Folge 1 · 28:00
Musik und Text
Wie Musik und Text von „Plötzlich Walküre“ entstanden sind – Gespräche mit dem Konzeptionsteam über Arbeitsprozess, musikalische Proben und Vorbilder.
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Host Hallo und herzlich willkommen zu der ersten richtigen Folge unseres Podcasts. Wir sind Katharina, Luca und Judith und in dieser Podcast-Reihe schauen wir vertiefend auf die Produktion von Plötzlich Walküre und geben auch generell einen Einblick, wie Bühnenaufführungen entstehen. Es werden im Laufe der Folgen immer mal wieder Interview-Ausschnitte vom künstlerischen Konzeptionsteam, bestehend aus Annabel Strobl, Jonas Würdinger und Nic Schilling, reingeschnitten, weil die natürlich nochmal einen besseren Überblick über das Projekt haben als wir. Heute gehen wir intensiv auf das Thema Musik und Text ein. Das wäre erstmal wichtig, würde ich sagen.
Host Ja.
Host Es wird ja gern mit den Begriffen Komponist und Librettist herumgeworfen. Wollen wir vielleicht zu allererst mal diese Begriffe klären?
Host Also, ein Librettist ist eigentlich ein Autor. Meistens haben die sich an irgendwelchen bereits bestehenden Stoffen inspiriert, zum Beispiel Mythen, Märchen oder Geschichten aus Büchern. Und der oder die Komponistin hat die Musik für den Text geschrieben, also festgestellt, wie gesungen werden soll oder wann welches Instrument spielt.
Host Obwohl sich die genaue Rolle von Librettisten und Komponisten natürlich verändert hat. Zu den Anfängen der Oper im 17. Jahrhundert war es ja üblich, dass ein Werk beim Librettisten in Auftrag gegeben wurde und der Text dann eben an einen Komponisten gegangen ist, der dann so schnell wie möglich das in Musik umgesetzt hat.
Host Es wurde sich also erst der Text und dann die Musik ausgedacht.
Host Genau, da gab es also eine sehr klare Trennung zwischen Musik und Text und den Personen, die sich damit beschäftigen. Das hat sich dann mit der Zeit verändert. Mir fällt da direkt Mozart ein, der für seine Opern im regen Briefverkehr mit seinen Librettisten stand und bis auf die letzte Minute noch einzelne Worte ändern ließ, damit alles so wird, wie er es will. Oder Wagner, der, perfektionistisch wie er ist, seine Libretti lieber gleich ganz selbst geschrieben hat.
Host Im Laufe der Zeit wurde also die Zusammenarbeit und das Zusammenspiel von Text und Musik immer enger. Und deswegen bildeten sich auch oft Teams oder Duos aus Komponierenden und Librettisten, die einander menschlich und künstlerisch irgendwie gut verstanden haben.
Host Zum Beispiel Mozart und Da Ponte, oder?
Host Aber trotzdem war es ja so, dass eine Person für die Musik und eine Person für den Text zuständig war.
Host Genau, das ist heutzutage oft auch nicht mehr so. Bei uns, also Plötzlich Walküre, war das zum Beispiel ein bisschen anders. Wir hören mal rein.
Interviewpartner Ja, also in der Aufgabenteilung, wie gesagt, arbeiten wir grundsätzlich relativ aufgeteilt. Also, es arbeiten alle in allen Positionen ein Stück weit, aber wir haben eben unsere Fokuspunkte. Und gerade beim Thema Musik und Text, also Text im Sinne von Sprechtext, liegt, würde ich sagen, eher bei euch beiden – mit einer dramaturgischen, lektorierenden Perspektive und auch einer Autorschaft von dir und einer, also ich sage mal, auf die positivste Art chaotisch-kreativen Perspektive von dir. Und ich wirke auch mit am Buch, aber mein Fokus liegt dann vor allem darin, dass, wenn dann viele Dinge zusammenkommen, sowohl musikalisch als auch textlich, es am ehesten, würde ich sagen, meine Aufgabe ist, das dann zu fixieren, auch eben in Notensatz und für die Instrumente und für die Chorsätze. Einspieler – Nic Schilling: Wobei das Libretto da eben, wie du gerade sagst, auch sehr zusammensteht. Zum Beispiel, wir haben jetzt den letzten Song, den wir jetzt gerade geschrieben haben, haben wir auch sehr viel einfach gemeinsam gebrainstormt. Was soll da rein? Das hat einen Kanon, der entstanden ist. Und da kam der Text jetzt sehr eben beidseitig in dem Moment von uns. Bei anderen Songs kam das Material dafür wiederum inhaltlich von Jonas. Das heißt, so ist es, dass da auch die Sachen sehr so entstehen. Aber sozusagen die Fixierung an der Stelle normalerweise da.
Interviewpartner Also spätestens wenn es ans Notensetzen und Arrangieren geht, ist Nic auch einfach 8000 Mal effizienter als wir. Genau, und ansonsten bei den Stücktexten sozusagen: Also bisher war es so, dass konkrete Szenen, die eher so Dialoge sind, am ehesten jetzt von mir kamen bisher – das kannst du aber auch noch im Prozess ändern –, und von Jonas gerade vor allem so in Gruppenszenen sehr viel so an Textfragmenten kamen.
Interviewpartner Ich schreibe tendenziell gerne Textflächen, die quasi in der Inszenierung einfach auch viel Raum bieten, dann eben alles Mögliche draufzusetzen, was einfach unterschiedliche Ansätze sind. Aber auch die, wie gesagt, ergänzen sich und schließen sich nicht aus, was total schön ist.
Host Okay, also bei der Textarbeit zumindest übernehmen alle irgendwie alles. Das ist ja auch eigentlich eine ganz gute Strategie. Dann ist nicht die ganze Verantwortung auf einer Person und alle können so ein bisschen kreativen Input geben.
Host Bei uns ist das mit der Textarbeit sowieso eher besonders.
Host Genau. Das Thema und der dramaturgische Verlauf von Plötzlich Walküre wurden ja unter der Anleitung von Annabel und Jonas von uns, also den Studierenden, in mehreren Workshops entwickelt.
Host Ja, das fing alles so an, dass wir erstmal Assoziationen zu Wagner und den Festspielen gesucht und auf riesigen Plakaten gesammelt haben. Und dann haben sich im Laufe der Workshops immer festere Szenen entwickelt, die wir dann teilweise sogar schon szenisch proben konnten, weil wir dann schon eine erste Fassung des Textes hatten sozusagen.
Host Normalerweise steht der Text ja vor Probenbeginn. Bei uns nun, wie gerade erwähnt, nicht, und es war auch von Anfang an klar: Eine vollständige Textfassung kommt erst irgendwann vor den Endproben. Wie fandet ihr das?
Host Naja, also tatsächlich war ich da gar nicht so unentspannt, weil ich das schon öfter erlebt habe, sowas, dass man halt kurz vor knapp noch irgendwie alles richten musste, und es hat meistens funktioniert.
Host Also ich fand und finde es ein bisschen gruselig. Also als Nebenrolle muss ich jetzt persönlich nicht so viel Text lernen, aber ich glaube, für unsere zwei Solistinnen, Lisa Marie Hanselmann und Josefine Oerst, könnte das ganz schön sportlich werden.
Host Wir hatten ja eine ganze Weile zwischen unseren Workshops.
Host Erklär das mal bitte kurz.
Host Naja, also wir haben uns alle paar Monate getroffen und dann zwei Tage intensiv am Stück gearbeitet. Dementsprechend war zwischen [den Workshops] immer eine Weile Zeit, und da konnte man auch meinen, in der Zwischenzeit wohl nur [?] gefallen ist, aber nein, ich wurde auch abgeschuftet.
Host Wie kann man sich die Arbeit an Musik und Text unabhängig von unseren Workshops vorstellen?
Interviewpartner Wir haben so alle paar Wochen bis Monate, je nachdem, was gerade so der Stand ist, treffen wir uns gemeinsam einmal und sprechen gemeinsam durch, was jetzt wir als nächstes machen wollen. Wir aktualisieren sozusagen immer unser Dokument mit der Handlung, und jetzt haben wir das Letzte, das haben wir jetzt gerade eben in gesamten Szenen noch mal ganz festgemacht: welche Szene kommt wann, in welcher Szene kommen Songs und Dialog vor, was wollen wir abhandeln und ausrollen. Und dann setzen wir uns eben separat an die Szene, legen fest, wer arbeitet jetzt an welcher Szene, wer arbeitet wem zu, und dann haben wir sozusagen – ich habe immer jeweils uns geupdatet, wenn wir was geschrieben haben, haben dann im Dokument draufgeschaut, da eben teilweise Kommentare gemacht, Sachen umgeschrieben. Das heißt, wir arbeiten dann immer so ein bisschen gemeinsam in so Iterationen sozusagen daran, an den Texten.
Interviewpartner Arbeiten wir nicht auch schon, wie gesagt, halt asynchron und kommen dann immer wieder zusammen und updaten uns, machen dann auch kleine Lesungen untereinander. Das ist immer schön, wenn wir mit den Studierenden arbeiten, wenn wir mit mehr Leuten als uns drei die Texte lesen können. Und genau.
Interviewpartner Genau. Und ich glaube, wir haben ja diese improvisierten Szenen aus den Workshops teilweise, oder in den meisten Fällen, auch eben mit einem Handy mitgefilmt, dass wir das natürlich als Inspiration auch haben, dass wir da schauen: Übernimmt man teilweise vielleicht sogar einzelne Fragmente wörtlich, nimmt man irgendwelche Sachen inhaltlich? Und eben an der Stelle ist das Material eben – es gehört uns allen, also nicht nur uns drei, sondern es ist iterativ entstanden, und wir sind eigentlich eher diejenigen, die es sortieren, aufräumen und eben in eine probbare Form bringen. Und dann natürlich die Musik ergänzen, die dann an den meisten Stellen jetzt doch im Nachhinein landet, wo auch schon musikalisches Material entstanden ist, was wir auch noch weiter einfließen lassen werden auf jeden Fall. Aber natürlich gerade bei Musik ist es nochmal ein bisschen anders als bei Sprechtexten. Es ist schwieriger, das improvisativ zu erstellen, weil es einfach strukturell, handwerklich anders funktioniert. Und dadurch ist da schon natürlich auch einfach handwerkliches Songwriting und Komponieren Teil dieses Prozesses.
Host Wo ich mir vorstellen kann, wo quasi noch Bälle hin und her gespielt werden, ist dann beim Bandklang.
Interviewpartner Ja, wo wir dann eben auch in der Endprobenwoche uns explizit die Zeit nehmen, zu sagen: Wir haben hier jetzt einen halben oder ganzen Tag, wo wirklich auch die Band mal Zeit hat, zusammenzukommen, einen Bandklang zu entwickeln und den dann eben mit dem Chorklang wiederum zusammenzusetzen und in die Solostimmen.
Host Ja, auf die Musikproben freue ich mich auch schon sehr. Ich werde ja auch ein Stück mit singen und mit rappen. Und wenn ihr das jetzt hört, dann wisst ihr wahrscheinlich schon, wie gut ich mich eingestellt habe. Ich hoffe natürlich, ich habe das alles sehr professionell über die Bühne gebracht.
Host Wir nehmen diesen Podcast ja einige Wochen vor der Aufführung auf, damit ihr direkt nach der Premiere was zu hören habt. Und deswegen können wir hier noch gar nichts über die musikalischen Proben sagen. Aber das hört ihr dann in einer anderen Folge. Und da wir mit Annabel, Nic und Jonas so ein wahnsinnig tolles Konzeptionsteam haben, kann das ja auch nur fantastisch werden.
Host Normalerweise sind musikalische Proben ja aber vor den szenischen, richtig?
Host Genau. Du hast natürlich unterschiedliche Arten von musikalischen Proben. Es gibt Orchester- bzw. Bandproben, die schon vor der aktiven Probenphase beginnen. Dann gibt es Chorproben, die eigentlich auch immer davor stattfinden. Und dann halt Proben mit den Soli. Und das ist normalerweise immer alles vor den szenischen Proben, damit in den szenischen Proben dann wirklich alles gestellt werden kann und Text und Musik schon an alles irgendwie sitzt, damit das Stück dann langsam szenisch zusammenkommt. Und dann, wenn das Stück langsam szenisch zusammenkommt, gibt es zumindest in der Oper – im Musical kenne ich mich da leider nicht so gut aus – eine sogenannte musikalische Sitzprobe, beziehungsweise mehrere musikalische Sitzproben, und dann findet es zum ersten Mal statt, dass Chor und Soli und Orchester zusammenspielen. Aber sowas kommt natürlich auch total auf die Größe und Art des Projekts an.
Host Genau. Nutzen wir dort die Gelegenheit und finden heraus, wie unsere musikalischen Proben geplant sind.
Interviewpartner Die musikalischen Proben organisieren wir auf unterschiedliche Weise, was tatsächlich recht schwierig ist. Wie gesagt, dadurch, dass fast alle Studierenden, die mitwirken, verschiedene Rollen haben, passiert es recht oft, dass, wenn wir musikalisch proben, und die allermeisten sind im Chor dabei, es dann schwierig ist, den Rest der Studierenden zur gleichen Zeit auf eine andere Art zu beschäftigen. Da haben wir jetzt verschiedene Möglichkeiten gefunden, aber einfach da die Zeiteffizienz zu nutzen, ist tatsächlich sehr essentiell. Das heißt auch, dass unsere musikalischen Proben oft sehr klar und gut strukturiert sein müssen, damit wir da auf keinen Fall Zeit verschwenden. Einspieler – Nic Schilling: Und die Band kommt jetzt so ein bisschen stückchenweise nach und nach dazu, wird vor allem in der Endprobenphase intensiv dann dabei sein. Aber ich denke, also, was jetzt auch noch passieren wird, ist, wenn die Stücke dann entstehen, dass wir vielleicht auch MIDI-Aufnahmen oder sowas teilen, dass wir nochmal Aufnahmen von dem, wie wir es gesungen haben, gemeinsam teilen und die Studierenden sich das teilweise selbst nochmal anschauen, um das zu festigen, wenn sie sich irgendwo unsicher fühlen. Aber im Großen und Ganzen ist es, denke ich, ein – also, die Songs sind auch nicht, die Nummern sind auch nicht so schwer, dass es ja ein ganz, ganz komplexer Probenprozess ist, sondern es ist ja auch da, es steht im Vordergrund, dass sich der Inhalt überträgt. Und ich glaube, gerade bei diesem Stück geht es da nicht unbedingt um handwerkliche Finesse, sondern mehr darum, dass wir mit allen gemeinsam in dieses Gefühl reinfinden. Und das, glaube ich, funktioniert bisher schon wunderbar.
Interviewpartner Nic hat ja lange in dem Unichor in Bayreuth auch geleitet und da, glaube ich, viele Erfahrungen mitgenommen, wie man eben, gerade auch auf einer Vokalebene, auch mit Menschen, die eben auf unterschiedlichen technischen Ständen sind, was Gesang angeht, relativ schnell einfach effizient an einen guten gemeinsamen Gesamtklang kommt.
Host Okay, das klingt doch schon sehr beruhigend. Wie gesagt, in einer anderen Folge werdet ihr mehr über die Endprobenphase und die musikalischen Proben erfahren. Aber jetzt wieder zum Thema Musik und Text. Habt ihr schon vor Plötzlich Walküre in einem Theaterprojekt mitgewirkt, bei dem ihr selbst den Text und die Musik erarbeitet habt?
Host Tatsächlich häufiger im Darstellenden Spiel in der Oberstufe. Und ich habe auch schon an einem Theaterstück mitgearbeitet, wo man ganze Textteile austauschen musste, weil das schon 30 Jahre alt war und man manche Dinge so nicht mehr auf die Bühne bringen konnte. Aber so wie jetzt habe ich das tatsächlich noch nicht mitgemacht.
Host Und in Darstellendem Spiel habt ihr einfach so ein Thema gehabt und dann habt ihr euch dazu was ausgedacht, oder wie ist das gelaufen?
Host Zum Beispiel als Klausurfrage teilweise, dass man einen kleinen Text bekommen hat, so einen kleinen Prompt, zu dem man was sich ausdenken musste, was man ein bisschen erweitern musste, wo man auch noch weiter was dazu schreiben musste. Oder in der Schule haben wir in Musik mal einen Text bekommen, zu dem wir instrumentieren sollten.
Host Also ich habe im Theater Junge Generation in Dresden in verschiedenen Produktionen mitgewirkt, und bei einer, da war das Oberthema Druck, und da haben wir auch ganz unterschiedliche Sachen ausprobiert. Da ist es so, dass du eine Dramaturgin hast und noch eine Person, die das Stück begleitet, und dann macht man so ganz viele Assoziationsspiele und, also, eigentlich so ein bisschen, wie wir das bei Plötzlich Walküre gemacht haben, und dann baut sich daraus irgendwie der Text zusammen. Und die tatsächliche Textarbeit übernimmt aber auch, wie bei uns, die professionellen Leute sozusagen, also das Konzeptionsteam, die Dramaturgin und so.
Host Wir haben also alle eher Erfahrungen mit assoziativeren und intuitiveren, eher freieren Theaterproduktionen. Man kann aber natürlich auch anders vorgehen. Man kann zum Beispiel erst die Nummern festlegen, dann den Text schreiben und diesen dann vertonen. So wie das früher zu den Anfängen der Oper gemacht wurde. Oder man macht sich einen dramaturgischen H[andlungsbogen] [?], also eine H[andlung] [?], und fängt dann an zu komponieren und findet darüber den Text. Oder, ganz verrückt, man schreibt erst die Songs und baut sich dann eine dramaturgische Handlung.
Host Es gibt definitiv verschiedene Strategien, um ans Ziel zu kommen.
Host Man kann natürlich immer erst an der einen Sache arbeiten und dann darauf aufbauen. Also nach einem klaren Aufbau alle Nummern einzeln abarbeiten sozusagen. Oder eben nicht.
Host Ich frage euch jetzt vielleicht, wie organisiert das bei uns zugegangen ist oder ob es bei uns auch eine klare Reihenfolge gab. Und darauf gibt es eine klare Antwort.
Interviewpartner Nein. Ich glaube tatsächlich, was immer zuerst kommt für uns, ist, wir sagen, was wollen wir irgendwie von der Szene. Aber das kann ein inhaltlicher Punkt sein, so etwas wie: In der Szene setzen wir uns damit auseinander, dass alle bei den Festspielen ankommen. Oder es kann so etwas sein wie: Wir wollen hier eine Form von Shanty haben, die vom Holländer inspiriert ist. Oder eben ein "Hier kommt die große Musikballade" oder sowas. Das heißt, dass wir immer schon so einen Ansatzpunkt haben von: Was ist der Punkt der Szene sozusagen so im Stück. Ob dann Text oder Musik zuerst kommt, hängt natürlich davon ab, was der Punkt der Szene ist, ob wir quasi was Musikalisches konkret wollen mit der Szene oder ob wir einen Inhaltspunkt machen wollen oder ob es ein emotionaler Punkt in der Geschichte ist. Das heißt, abhängig davon entsteht ein Material zuerst, aber sozusagen das Ziel der Szene ist schon immer der Anfang zurzeit, glaube ich. Einspieler – Leitungsteam: Wir haben aktuell auch einfach ganz viele verschiedene Inspirationen drinstehen, wo man sagt: hey, an der Stelle könnte jetzt zum Beispiel irgendwas angelehnt an Lohengrin, oder hier haben wir den Tango de Roxanne, mit dem dann bitte irgendwann doch ein Walküren-Tango ersetzt wird, und so weiter und so fort. Und wir dann eben sagen: Das soll an der Stelle, also das soll der Vibe sein.
Interviewpartner Genau. Innerhalb der Songs kann es alles Mögliche sein. Es steht meistens zuerst auch da der Gedanke: Was will dieser Song aussagen, wo will diese Musik hin. Und dann hatten wir schon beides. Manchmal steht zuerst eine Melodie, manchmal steht zuerst eine Harmonie, manchmal steht ein Wagner-Zitat und dann heißt es, da drumherum soll irgendwas passieren musikalisch. Und manchmal steht eben auch eine Textzeile oder vielleicht eher etwas Lyrisches, was dann vertont wird. Also da gibt es jede Richtung, und das kommt total darauf an, gerade bei so einem Stück wie dem, wo jetzt wirklich die verschiedensten Stile und die verschiedensten Formen durcheinanderfliegen – da ist es total individuell, was zuerst kommt.
Host Also bei uns war praktisch alles dabei, von der Melodieidee bis zum Handlungsziel, und daraus entwickeln sich dann ganze Szenen und Songs. Aber sprechen wir nochmal ein bisschen genauer über den Inhalt. Ein großes Ding, wenn man irgendwas schreibt oder komponiert, sind ja auch Inspirationen oder Vorbilder. So wie Wagners Rienzi, der übrigens diese Spielzeit zum ersten Mal bei den Bayreuther Festspielen gespielt wird, von Handlung und Form sehr stark an den französischen Grands Operas seiner Zeit inspiriert ist. Oder dass Opernkompositionen an der Musik einer bestimmten Region inspiriert sind, zum Beispiel einige Nummern aus Carmen an spanischen Tänzen oder die Komposition von Madama Butterfly nach japanischer Volksmusik, oder zumindest Puccinis Interpretation von japanischer Volksmusik. Manchmal werden sogar ganze Melodien aus anderen Stücken geklaut. Obwohl man dann natürlich nicht mehr so richtig von Inspiration sprechen kann. Aber als Inspiration für ein anderes Kunstwerk zu dienen, kann natürlich auch ein sehr großes Kompliment sein.
Host Genau, es gibt ganz oft Hommages, also Tribute an zum Beispiel verstorbene KünstlerInnen oder Komponistinnen und Komponisten, die Werke weiterverarbeiten, weil sie so inspiriert davon sind. Mir fällt ja direkt Clara Schumann mit den Variationen über ein Thema von Robert Schumann ein.
Host Natürlich haben wir auch unser Konzeptionsteam nach ihren Inspirationen gefragt.
Interviewpartner Ich glaube, wir haben sehr viele Vorbilder und Inspirationen in der Musik hier bei diesem Stück. Das ist natürlich zum einen offensichtlich Wagner, ich glaube, das ist das Naheliegendste. Aber außerhalb davon haben wir sehr viel – gerade weil wir zum Beispiel gesagt haben, wir wollen uns ja auch an diesem Thema Musical, aber auch Musical-Film ein bisschen abarbeiten, gerade weil wir ja diesen Revue-Kontext ein bisschen in verschiedenen Genres auch spielen. Da haben wir zum Beispiel, neben der auf der inhaltlichen Ebene dieser Teenie-Film-Inspiration, auch zum Beispiel eine sehr konkrete Referenz zu Singing in the Rain mit drin. Nicht auf musikalischer Ebene, sondern eher auf szenischer Ebene dann tatsächlich. Und wir haben an vielen Momenten, dass wir musikalisch sagen, hier soll es zum Beispiel so eine typische Sondheim-Pattern-Nummer werden oder hier soll es ein Shanty werden. Dass wir immer sagen, wir haben ein bisschen ein musikalisches Vorbild für jeden einzelnen Song sozusagen auch. Oder eine Motette oder Kantate. Das heißt, wir wollen sozusagen auch so ein bisschen verschiedene Inspirationen für jeden Song finden, um da diese große Vielfalt zu haben, und haben auch sehr viel Spaß, uns daran gerade so ein bisschen abzuarbeiten und immer neue Ansätze zu finden, immer neue musikalische Richtungen, die wir nutzen können, um auch einen bestimmten inhaltlichen oder auch einfach gerne auch komödiantischen Punkt zu machen.
Interviewpartner Wir schöpfen da aus unserem ganz persönlichen Kanon, also eben gerade in der Skripterstellung oder auch wenn wir darüber sprechen, ist es ganz oft so, dass man sagt so: hey, wir waren noch mal zusammen in London, haben da dieses Musical gesehen, erinnerst du dich an diese konkrete Szene? Wir machen das genauso. Oder eben auch hier, es gibt doch da den Film und da könnten wir das – also, eigentlich ist es ein wildes Zusammenklauen.
Interviewpartner Ja, das klingt wirklich sehr nach Klauen gerade.
Interviewpartner Also, es ist schon wirklich – wir haben jetzt nirgendwo irgendwie Text oder Musik direkt übernommen, außer eben von Wagner, wenn wir wirklich bewusste musikalische Referenzen machen. Sonst ist es sehr viel ein "Was ist denn stilistisch, was die Szene macht, wie können wir das?" Es ist eher so ein: Diese Szene hat dieses Gefühl in uns ausgelöst, und dieses Gefühl wollen wir weitertragen.
Host Was sind denn eure Inspirationen?
Interviewpartner Ich habe viele.
Interviewpartner Ja, meine Mutter.
Interviewpartner Oh, das ist süß.
Interviewpartner Michael Jackson.
Interviewpartner Ja, meine musikalischen Vorbilder auf jeden Fall Father John Misty, Elton John, David Bowie hat mich auch viel beeinflusst und Falco, definitiv.
Interviewpartner Ich liebe Yuja Wang und Khatia Buniatishvili. Geile Pianistinnen beide, und tragen auf der Bühne, was sie wollen, und passen sich gar nicht so an diesen Kleidungszwang an, den man ja auf dem Konzert hat. Das finde ich beeindruckend.
Interviewpartner Ja, so Sonya Yoncheva.
Host Also, wie ihr gerade gehört habt, ist es ganz schön schwierig, auf Knopfdruck gute Inspirationen aufzuzählen. Ich bin mir auch sehr sicher, dass mir gleich noch ganz, ganz viele einfallen werden. Aber egal. Was mich allerdings brennend interessieren würde, sind eure Inspirationen. Also von euch, die ihr gerade zuhört. Egal ob Weltstar, Verwandter oder random Personen aus dem Supermarkt. Schreibt gerne in die Kommentare, was oder wer euch so inspiriert. Wir sind sehr gespannt.
Host So, nun haben wir eine Theorie im musikalischen Text [?]. Aber was fehlt, sind die Menschen, die sich auf die Bühne stellen und Text und Musik vortragen.
Host Genau, und das war auch irgendwie ganz kurios bei uns, weil bis zum vorletzten Workshop eigentlich gar nicht so richtig feststand, wer alles fest mitmacht.
Host Genau, normalerweise ist es ja so, dass in der Partitur, also den Noten für ein Stück, die ganze Besetzung, also alle, die im Orchester mitspielen oder auf der Bühne stehen, festgelegt sind.
Host Ja, und selbst wenn es noch keine Partitur gibt, hat man meistens wenigstens ein festes Orchester oder eine Bandbesetzung, mit der man planen kann. Das war bei uns ja ganz anders.
Host Ich erinnere mich daran, dass wir, glaube ich, zwischendurch mal eine Geige hatten. Aber die ist uns irgendwie abhandengekommen, und das ist irgendwie mit vielen Instrumenten passiert. Also, es hat gespielt, was irgendwie da war, wenn wir musikalisch geprobt haben. Und ja, dann wurde so ein bisschen gefreestyled. Und ich bin ja auch erst bei der letzten Probe am Bass dazugekommen.
Host Ja, genau. Und es ist natürlich irgendwie schwierig, Musik zu schreiben, wenn du gar nicht weißt, was für Instrumente du am Ende hast. Aber fragen wir doch mal Nic dazu.
Interviewpartner Es ist sehr schwierig, Musik zu schreiben, wenn die Band noch nicht so richtig steht. Aber wir schreiben aktuell viel einfach an Grundstruktur und an Chorsätzen, weil da wissen wir, dass das da sein wird. Und alles andere – es gibt jetzt auch bei einigen Nummern schon Arrangements auch für andere Instrumente, auch einfach damit wir jetzt ein bisschen ausprobieren können, weil jetzt langsam festigt sich das Ganze. Jetzt wissen wir inzwischen einigermaßen, wer da sein wird, und da kann quasi jetzt vieles dazukommen. Das heißt natürlich auch, dass bei einigen Nummern, die jetzt schon existieren, entweder die Instrumente eher eine begleitende Funktion einnehmen oder wir, wenn wir noch solistische Momente wollen, wir die quasi einschieben. Aber das ist auch gar nicht so schlimm, weil die Struktur von den Nummern sowieso relativ frei ist. Also es ist nicht so, dass das total minutiös alles gesetzt ist, sondern dass es einfach eher darum geht, Strukturen und Klangteppiche zu schaffen und einen Band-Sound zu entwickeln, als dass wir jetzt total exakt setzen, wann was passieren soll. Also es wird auch passieren, dass, wenn ein Satz existiert, ich vielleicht sage: okay, spiel mal Takt 4 bis 8 auch nochmal hier und auch nochmal hier, weil es einfach stilistisch gut funktioniert, weil es eben vor allem Spaß machen soll. Und die Sachen, die tiefer gehen, die sind dann an den Stellen gesetzt, wo sie sein sollen, aber dürfen sich auch auf die beschränken, die dann da sind.
Interviewpartner Du hattest es vorhin gesagt: im kühlen Kopf bewahren. Und das ist, glaube ich, ganz wichtig, weil es natürlich, allein durch diesen Prozess bedingt, viele Momente gibt, wo man objektiv behaupten könnte, dass es dort eine Unsicherheit geben könnte. Aber wir wissen, was wir leisten können. Wir wissen, was unsere TeilnehmerInnen leisten können. Und wir wissen, was am Ende stehen wird. Und daher sind wir da verhältnismäßig entspannt, dass bis zu dem Punkt, wo alles fertig sein muss, alles fertig sein wird.
Interviewpartner Genau, und es gehört zum Prozess dazu, dass das Arrangement Last Minute entsteht. Das ist auch gar nicht nur auf uns irgendwie bezogen, sondern ganz konkret: Also quasi alle, die ich kenne, die in diesem Bereich arbeiten, Komposition, Arrangement, gerade im Musiktheater, haben das auch schon so widergespiegelt. Und jetzt zum Beispiel bei Im Auge des Sturms, das letzte Stück, was wir jetzt zusammen gemacht haben, war es auch so, dass das finale Arrangement eigentlich erst zu Probenbeginn, vielleicht sogar ein paar Tage nach Probenbeginn, also wirklich so einen Monat vor Premiere, final stand, weil einfach ganz viel sich dann noch in der Praxis auch leicht verändern kann. Und wenn man eben unsicher ist, auf welche Instrumente noch dazukommen, es einfach Sinn ergibt, es auf eine bestimmte Art anzugehen und diese Freiheit sich zu bewahren.
Host Gut, also es ist normal, dass Text und Musik erst relativ spät stehen. Aber ich freue mich trotzdem, dass wir inzwischen eine feste Band haben.
Host Wir haben jetzt das Wichtigste über Musik- und Textproduktion und die Proben-Situation geklärt, würde ich sagen. Aber in den bisherigen Workshops haben wir auch immer mal Szenen und Musik geprobt, beziehungsweise Szenen gestellt und, naja, halt das, was von der Musik da war, irgendwie so ein bisschen durchgespielt. Und ich bin ehrlich gesagt mal gespannt, was so die Lieblingsnummern bisher von unserem Konzeptionsteam sind.
Interviewpartner Als Szene finde ich die Szene, die wir am Ende des ersten Aktes haben, jetzt sehr, sehr lustig. Da haben wir ein Interview, das sozusagen immer wieder einander unterbricht und damit einfach durch diesen Bruch, der dann irgendwann in eine sehr absurde Richtung geht, einfach eine wahnsinnig lustige Szene geworden ist. Und musikalisch eine Sache, die eben noch nicht jetzt steht: Ich freue mich extrem aufs Finale, soweit wir es haben. Es wird auch nicht eine der letzten Szenen sein, wenn wir eben die endgültige große Verbindung von Musical und Wagner auf der Festspielbühne sozusagen inhaltlich haben. Auf die Szene freue ich mich schon sehr.
Interviewpartner Von Szenen, die wir schon geprobt haben: Wir haben direkt nach der Pause den großen Einzug der Wagnerianer in das Festspielhaus, eben angelehnt an das Motiv Einzug in Walhall aus dem Ring, wo unsere DarstellerInnen auf eine unglaublich tolle Art und Weise da eine Energie mitbringen und wirklich das Publikum in das Festspielhaus zurückrufen. Und an der Stelle hat es fast so etwas Sakrales, aber auf der anderen Seite singen wir halt auch "Die Bratwurst ist bereit", und ich glaube, gerade dieser ständige Bruch mit Erwartungen und das Herstellen von komischen Momenten in einem eigentlich viel zu pathetischen Rahmen ist was, was mir einfach total viel Spaß macht.
Interviewpartner Ich freue mich, glaube ich, vor allem auf den Song, den wir heute zum ersten Mal proben werden. Er heißt Wahnsinn, zumindest aktuell. Mal gucken, ob das noch bleibt. Das ist der Shanty-Kanon. Da bin ich sehr gespannt drauf.
Host Was sind eure Lieblingsnummern bisher?
Interviewpartner Ich mag die Kursszene in der Uni sehr gerne, wo diese Vorlesung über Richard Wagner quasi dargestellt wird, weil da die Harmonien sehr schön sind. Und das macht auch von den Akkorden her Spaß, muss ich sagen.
Interviewpartner Ich finde sehr schön diese Szene, wo die Blauen mit Kissen tanzen. Ja, also ich hatte schon diese Erfahrung als blaues Mädchen. Und ja, ich finde sehr, sehr lustig diese Szene, die Choreografie, ja.
Host Und an die Menschen, die hier gerade zuhören und schon eine Vorstellung besucht haben: Schreibt uns doch gerne, was eure Lieblingsszene oder euer Lieblingsmoment bei Plötzlich Walküre war.
Host Gut, also, ich würde sagen, wir haben heute sehr viel über Musik und Text gelernt, darüber, wie traditionell, also historisch, Musik und Text entstanden ist, welche Personen sich darum gekümmert haben, in welcher Reihenfolge das alles passiert ist, wie geprobt wurde dann damit und so. Und dadurch haben wir auch ein bisschen etabliert, dass Plötzlich Walküre eben ein Projekt, eine Produktion ist, bei der es ganz, ganz anders ist. Was aber, finde ich, sehr gut zum Projekt passt, weil dadurch auch so ein ganz einzigartiger Charme entstanden ist und so viele Einflüsse damit reingeflossen sind, weil, ich meine, jeder Kopf hat irgendwie mitgedacht, jeder hat mitgearbeitet, jeder hat seinen Senf dazu gegeben. Und ja, das führt dazu, dass man super, super viel erfährt und super viele Blickwinkel hat, die auf dieses Projekt schauen, was irgendwie richtig cool ist.
Host Wir hoffen, ihr habt auch viel gelernt und fandet es interessant, worüber wir gesprochen haben. In den nächsten Folgen reden wir über das Bühnenbild und den Probenprozess. Also seid gespannt, da warten auch viele, viele coole Fun Facts auf euch. Und damit wünsche ich euch noch einen schönen Tag, Morgen oder Abend, je nachdem, wann ihr diese Folge hört.
Host Ja, bis bald.
Host Servus und bis dann.
Host Bis dann, tschüss.